Warum ist der Krebs mein “bester” Freund?

Im März 2018 hat sich meine Tochter ein Buch aus der Schulbücherei ausgeliehen und zeigte es mir begeistert: „Guck mal Mama, die Wassernixe heißt wie Du!“
Mein Vorname ist sehr selten und noch nie habe ich in einem Buch gelesen, bei dem die Hauptfigur meinen Namen trägt.
Und dann hat diese Person auch noch als besten Freund den TaschenKREBS Toto … 😯

Mein Freund Krebs S1

Eine Geschichte aus dem Kinderbuch “Bezaubernde Nixengeschichten für Erstleser“ von Ravensburger

In der Geschichte geht es um die Meerjungfrau Mirja, die von einem Fest ausgeschlossen wird, weil ihr Schuppenkleid nicht schön genug ist. Ihr Freund, der Krebs Toto, hilft ihr ein schönes, leuchtendes Schuppenkleid zu bekommen und lässt sie so beim Nixenfest strahlen, dass sie auf einmal die “Schönste” von allen ist.

Das hat mich sehr nachdenklich gemacht, denn den Krebs, also meine Krebserkrankung, als meinen “Freund” zu betrachten ist mir bis dahin nicht in den Sinn gekommen.

Die normale Reaktion wäre doch den Krebs als Feind zu betrachten, den ich bekämpfen muss.

Für mich war das von Anfang an nicht möglich oder es hat sich auch nie wie ein echter Kampf angefühlt…
Eher wie ein schon verlorener – eine Kapitulation.
Ein Aufgeben, ein Niederlegen meiner Waffen.
Hätte ich gekämpft, dann hätte ich mich weiter gegen die Diagnose, die Chemotherapie und OPs gewehrt.
Die Entscheidung die Krankheit anzunehmen und mich auf die Therapie einzulassen war die schwierigste “Auf”gabe für mich.
Danach folgte nur noch das Zulassen – das Gift in meinen Körper laufen lassen – zulassen, dass Teile meines Körpers entfernt werden – und “durch”halten – Schmerzen aushalten –  um zu überleben.
Für mich weit entfernt vom Kämpfen, wie ich es zum Beispiel vom Kampfkunst-Training kenne.

Mein Freund Krebs S2Aber den Krebs als Freund zu schätzen – dass fühlt sich auch für mich erstmal sehr makaber und unmöglich an.

Doch jede Krise ist eine Chance – eine Chance zu wachsen und zu lernen …
So habe ich es bisher immer mit schwierigen Situationen in meinem Leben gesehen.
Doch diese schwere Krankheit stellte mich da erstmal vor ein Rätsel.

Für was soll das gut sein?

Das Buch meiner Tochter inspirierte mich dennoch Gedanken an die positiven Auswirkungen meiner schweren Krankheit in meinem Leben zu haben.
Und immerhin sind es ja meine entarteten Zellen … und wie ich es erfahren habe, funktioniert es nicht gegen den eigenen Körper zu kämpfen.

Deswegen habe ich alles an positven Aspekten, die mir seit dem widerfahren aufgeschrieben und versuche den Sinn in der Krankheit und der Krise zu entdecken. Das fällt mir immer noch schwer, doch jetzt wo es mir wieder besser geht, ist es zumindest möglich.

Hier ein Auszug aus meinen Gedanken in Aufzählungsform:

Lieber Krebs,

ich danke Dir …

  • dafür, dass ich erfahren konnte wie mutig ich sein kann und meine Stärke zeigen konnte.
  • das ich durch Dich gelernt habe, den Moment, den Augenblick zu schätzen, denn das ist das Einzige, was wir wirklich für immer “besitzen”.
  • das Du mir zeigst, das kein Besitz von Dauer ist. Wir “leihen” Dinge für eine bestimmte Dauer unseres Lebens.
  • das Du mir zeigst, Menschen, die mir begegnen, immer nur als Wegbegleiter zu sehen. Wir besitzen weder unsere Partner, Kinder noch unsere Eltern oder Freunde.
  • dafür, dass Du mir gezeigt hast wie wertvoll, zerbrechlich und intensiv mein Leben ist und meine Geschichte irgendwann zuende ist.
  • dafür, dass ich mir  überlege, wie meine weitere Geschichte aussehen soll und was ich noch erzählen möchte.
  • das Du mir zeigst wie ich wachsen kann, Raum einnehme und Spuren hinterlassen kann.
  • das Altes gehen muss, damit Neues entstehen und wachsen kann.
  • das ich durch Dich gelernt habe (noch) besser auf mich aufzupassen, meine Schmerzen Ernst zu nehmen und 100 % und bedingungslos zu mir selbst zu stehen.
  • das Du wie ein alter Geier auf meiner Schulter hockst, auf meine Lebensuhr schaust und immer wieder fragst: “Ist das wirklich wichtig? Willst Du das wirklich tun, wenn Du morgen gehen müsstest? Wir haben nicht EWIG Zeit!”
  • das ich die Dinge tue die ich liebe, die mir wichtig sind und Freude bereiten und ich die Dinge, die mich lähmen und mir nicht gut tun, nicht mehr tue.
  • das Du mich offen, authentisch und ehrlich sein lässt, denn jede Lüge verleugnet mich selbst.
  • das Du mir zeigst wie ich Perfektionismus los lassen kann und meine Versehrtheit annehmen kann.
  • das ich mich als Teil eines Ganzen sehen kann, denn für meine Heilung war und bin nicht nur ich allein verantwortlich. Um diese schwere Behandlung zu überstehen brauchte ich die Hilfe von vielen Ärzten, Pflegekräften, Freunden, meiner Familie und vielen anderen wichtigen Personen.
  • für die Auseinandersetzung mit meinem Tod und dem “Danach”.

 

Mein Freund Krebs S3+4

Die Vorteile des Todkrank-Seins

In einem früheren Artikel spreche ich über die Vorteile des Dick-Seins, denn um zu verstehen, warum ich zugenommen habe, musste ich verstehen, warum mein Körper offensichtlich den Fettschutz-Mantel braucht.
Also ist es für mich nur natürlich dies auch bei meiner schweren Erkrankung zu tun.

Welche Vorteile habe ich nun vom Todkrank-Sein?

Ich habe gemerkt, dass es sehr viele Menschen gibt die mir helfen und sich kümmern wollen, Empathie zeigen und denen mein Überleben wichtig ist.

Ich kann die kleinen Dinge – z. B. ein gutes Essen, dass Lachen meiner Tochter, das Zusammensein mit lieben Menschen – noch viel mehr wertschätzen und genießen.

Ich kann viel besser entscheiden, was mir wichtig ist und worauf es (nicht) ankommt.

Ich habe gelernt dem Leben mehr zu vertrauen, aufgehört alles planen zu wollen und zu genaue Vorstellungen von meiner Zukunft zu vermeiden.

Ich kann Herausforderungen & Schwierigkeiten annehmen und dabei beweglich, flexibel und mutig bleiben.

Ich spüre die Endlichkeit meines Lebens und lebe bewusster im Jetzt.

Dadurch wurden viele tiefe intensive Gespräche und echter Austausch mit anderen Menschen möglich. Mir wurde sehr viel Mitgefühl und Wertschätzung entgegengebracht, die ich sonst nicht erfahren hätte.

Ein paar ausgewählte Worte, die während meiner schweren Therapiephase von sehr lieben Menschen an mich gerichtet wurden und mich sehr berührt haben:

“Schön, dass es Dich gibt!”

“Glaube an Deine Heilung!”

“Du bist eine starke Frau und hast viel Kraft in Dir!”

“Du hast Dich offenbar soo gut in den letzten Jahren um Dich gekümmert, dass Du die beste Basis hast, um diesen Kampf zu gewinnen!”

“Bleib bitte zuversichtlich und genauso achtsam mit Deinem Körper wie bisher!”

“Ich habe eine Ahnung davon, wie schwer das ist und bewunder Dich sehr!”

“Du gehst da mit bewundernswerter Haltung durch! In Gedanken immer wieder bei Dir mit herzlicher Umarmung!”

“Danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast mir die Geschichte auch nochmal zu erzählen und dabei so ehrlich, schonungslos und authentisch geblieben bist!”

 

Mein Freund Krebs S5

 

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